Mit Büchern das Leben gestalten

Die Welt in Büchern – Taiwan

Baobab Books fördert die Vielfalt in der Kinder- und Jugendliteratur. Wir vermitteln Wissen und regen die lokale Buchproduktion auch in Regionen an, wo es kaum Bücher gibt. Ein besonderes Augenmerk legen wir dabei auf die Situation indigener Völker, die vielerorts um Anerkennung und den Fortbestand ihrer Kultur kämpfen müssen, denn gerade hier kommt der Literatur eine wichtige Rolle zu.
So zum Beispiel in dem kleinen Inselstaat Taiwan in Ostasien. Die Initiative von Baobab Books hat zum Ziel, die vielfältigen Kulturen der taiwanischen Urbevölkerung in der Kinderliteratur sichtbar zu machen. Die 2013 begonnene Arbeit wurde anfangs 2017 mit einem Workshop unter der Leitung von Baobab Books fortgesetzt – inmitten von Reisterrassen.

Es gibt 14 staatlich anerkannte indigene Ethnien in Taiwan, die Ureinwohner selbst definieren noch weitere mehr. Jede Ethnie hat ihre eigene Sprache, kennt unterschiedliche Traditionen und Kulturtechniken. Doch diese Vielfalt ist akut bedroht: Die Urbevölkerung macht heute, nach einer wechselvollen und mitunter brutalen Geschichte, nur noch zwei Prozent der Gesamtbevölkerung des Landes aus, das sind 500 000 Menschen. Die Anerkennung durch die Regierung erfolgte vor rund zehn Jahren und war ein wichtiger Schritt, um den unwiederbringlichen Verlust von Sprache und kultureller Tradition zu bremsen.
Gemeinsam mit dem National Taitung Living Art Center versucht Baobab Books die indigenen Gemeinschaften auf besondere Art und Weise zu stärken: Auf der Basis der vielfältigen indigenen Erzähl- und Kunsttraditionen wird mit einem Ausbildungsangebot für KünstlerInnen und AutorInnen, aber auch für Projektmitarbeiter und Lehrpersonen, das lokale Kinderbuchschaffen angeregt und Wissen in der Leseförderung vermittelt.

Inmitten von Reisterrassen

Neun Teilnehmerinnen und drei Teilnehmer haben sich für den diesjährigen Workshop angemeldet. Das einwöchige Intensivseminar findet in einem kleinen Bauerndorf im Südosten Taiwans statt. Das Landschaftsbild rund um das Dorf Luo-Shan ist geprägt von den traditionellen Reisterrassen, die in diesen Tagen im Februar gerade mit Setzlingen bepflanzt werden. Die Dorfgemeinschaft hat sich vor kurzem für die kontrolliert biologische Bewirtschaftung aller ihrer Felder entschieden. Einige Betriebe haben sich sogar zu Schau-Betrieben umgerüstet und bieten Führungen an.
Der Dorfvorsteher überreicht uns zum Auftakt traditionelle Bambushüten, die bei der Arbeit auf den Feldern getragen werden. Dann beginnt unsere Arbeit. Die Teilnehmer bringen äusserst unterschiedliche Biografien mit. Sie sind Lehrerinnen, Künstler, Studenten, Illustratorinnen. Einige leben im Dorf, einige in den umliegenden Bergen, wieder andere sind extra für diese Woche von weiter her angereist. So unterschiedlich ihre Lebensläufe sind – manche leben in einer traditionellen indigenen Gemeinschaft, manche sind aus der Stadt aufs Land zu- beziehungsweise zurückgewandert –, das Interesse am Erzählen und am gestalterischem Ausdruck vereint sie hier in diesem kleinem Gemeindesaal mit Wellblechdach.

Auf Linien folgen Erkenntnisse

Feng Xin-Xian war Schiffskapitän von Beruf. Nun ist er pensioniert und hat sich in Luo-Shan niedergelassen. Er engagiert sich ehrenamtlich im Dorf und möchte ganz besonders für die Kinder attraktive Angebote schaffen. Diese seien oft sich selbst überlassen, wenn sie nachmittags von der Schule nach Hause kommen, weil beide Elternteile in den Feldern oder in fernen Städten arbeiten, erzählt er in der Vorstellungsrunde des Workshops. Nicht wenige dieser Kinder gerieten in der Folge in ihrer Jugend auf die schiefe Bahn. In den Bergen rund um Luo-Shan leben zahlreiche indigene Gemeinschaften: Bunun, Amis, Paiwan. »Es ist wichtig, diese Kulturen zu pflegen und die Sprachen zu erhalten«, ist Herr Feng ebenso überzeugt. In der Schule werden die indigenen Kulturen und Sprachen kaum thematisiert. Deshalb möchte er zusammen mit Kindern ein Buch erarbeiten und hat sich zum Workshop angemeldet.
Während draussen die Reisfelder mit jedem Tag grüner werden, wachsen die Ideen der Teilnehmerinnen und Teilnehmer zu ausgereiften Konzepten heran. Es wird analysiert, diskutiert und ausprobiert. Das taiwanische Bildungssystem fokussiert, wie in vielen asiatischen Ländern, auf Resultate, der Lernprozess und die persönliche Entwicklung werden kaum beachtet. Die Jüngeren in der Gruppe möchten aber andere Wege gehen, experimentieren und Neues wagen. Für andere ist die freie Herangehensweise im ersten Moment irritierend. Eine Linie auf einem Blatt zeichnen? Wie? Wozu? Die Aufgabe, mit einer Collage eine Stimmung auszudrücken, lässt manchen zunächst rätseln. Doch alle machen sich auf ihre Art auf den Weg. Es folgen bewegende Erkenntnisse, Figuren, Gesichter, Farbmuster und ausgefeilte Konzepte.

Lesen Sie hier den gesamten Projektbericht 2017

Sonja Matheson
© 2017 Baobab Books, Basel

Wir danken dem National Living Art Center in Taitung für die Zusammenarbeit.