The Pictures of the Gond

Die Lebenswelt der Gond zwischen Tradition und Innovation
Die indische Künstlerin Durga Bai lebt in Bhopal, doch sie kam in einem kleinen Dorf im zentralindischen Bundesstaat Madhya Pradesh zur Welt. Sehr jung wanderte sie mit ihrer Familie in die über 300 Kilometer entfernte Stadt ab, denn es gab kein Einkommen  und keine Krankenversorgung in ihrer Heimat. Durga Bai hat nie schreiben und lesen gelernt, wie viele andere indigene Menschen – «Adivasi» – in Indien. Aber sie hat die künstlerische Tradition ihrer Herkunft mitgenommen und erzählt in ihren Zeichnungen und Bildern von Mythen, Geschichten und vom Alltag der Gond, einer indigenen Ethnie Indiens.


«Die ursprünglichen Menschen»
Adi bedeutet «ursprünglich», vasi ist der «Mensch». Adivasi sind also die ursprünglichen Menschen Indiens, ein Begriff, der von der indigenen Bevölkerung selbst auch verwendet wird. Rund 82 Millionen Menschen der insgesamt 1,1 Milliarden Inderinnen und Inder zählen zu den Adivasi.
Allerdings, die Sachlage ist komplex: Es gibt in ganz Indien rund 600 verschiedene indigene Ethnien. Allein die etwas grössere Gond-Ethnie, zu der auch die drei IllustratorInnen des Buches gehören, kennt zahlreiche Untergruppen. Diese vielfältigen kulturellen Identitäten sind zudem von starkem Wandel geprägt. Nicht selten kommt es aus wirtschaftlichen Gründen zu Abwanderung aus den traditionellen Lebensräumen in den Urwäldern oder den dörflichen Gemeinschaften. Abholzung, Grossprojekte der Industrie und des Tourismus sind Beispiele für äussere Faktoren, die zu Zwangsumsiedlungen führen.
Auch Durga Bai, Ram Singh Urveti und Bhajju Shyam konnten die Grundschule nicht beenden, erzählen sie in einem gemeinsamen Gespräch. Ihr Weg führte sie unabhänig voneinander nach Bhopal. Gefunden haben sie sich hier wieder über die Malerei – und über den Onkel von Bhajju Shyam und Ram Singh Urveti: Sangarh Singh Shyam (1962–2001). Er war der erste Gond-Künstler, der seine Arbeit hauptberuflich ausübte, auch im Ausland tätig war und die traditionelle Kunst der Gond zwar nicht modernisierte, aber bewusst weiterentwickelte.
Es war ihm ein grosses Anliegen, sowohl das kulturelle Erbe der Gond zu bewahren, als auch auf das neue Umfeld in der Stadt mit seinen sozialen Einflüssen und technischen Möglichkeiten aufzunehmen. Er hat viele junge Gond ermutig und tatkräftig gefördert, sich auch fern des traditionellen Lebens mit den eigenen Wurzeln zu identifizieren.
Traditionellerweise bemalen die Gond die Wände ihrer Häuser mit Naturfarben aus Lehm. Bilder von Gottheiten, mythologische Figuren, Tieren, Ornamente – und Bäume. Der Baum steht im Zentrum des Lebens der Gond. Tagsüber arbeitet er für den Menschen, bietet Nahrung und Baumaterial, spendet Schutz und Schatten. Nachts, so sehen es die Gond, erwecken die Bäume die guten Geister zum Leben.

Der Tara Verlag und seine Druckerei
Der indische Kleinverlag Tara Publishing mit Sitz im südindischen Chennai hat sich zum Ziel gesetzt, die vielfältigen Kulturen und Traditionen Indiens zu vermitteln, und setzt sich dabei ganz bewusst für Minderheiten ein. Vor einigen Jahren lernte die Verlegerin Gita Wolf die drei KünstlerInnen in einem Workshop kennen. Sie wollte mehr über die faszinierenden Bilder wissen. Sie diskutierten schon bald die Idee, ein Geschichtenbuch der Gond herauszugeben. Auch wenn Durga Bai, Bhajju Shyam und Ram Singh Urveti nicht schreiben können: zu erzählen haben sie viel. So machten sie sich ans Werk und illustrierten ihre Welt. In einem nachfolgenden Gespräch berichteten sie von den Mythen, Geschichten und vom Alltag der Gond. Diese Gespräche bildeten die Grundlage für die Texte im Buch, das 2005 in Indien zum ersten Mal erschien. Ein grosses Ereginis für die in Indien bis heute oft ausgegrenzten Adivasi.
Das allein wäre schon aufregend genug, aber der umtriebige Tara Verlag ging noch einen Schritt weiter. Das Buch sollte von Hand im Siebdruckverfahren hergestellt werden, das Buch selbst ein Kunstwerk sein. Zusammen mit dem Produktionsleiter C. Arumugam und den drei KünstlerInnen wurden in der Druckwerkstatt die Schwarzweiss-Zeichnungen in Farbe umgewandelt und auf handgeschöpftes schwarzes Papier gedruckt. Der Titel der indischen Ausgabe hiess «The Night Life of Trees».
Von Hand zu drucken bedeutet, dass jede Buchseite für jeden Farbton einzeln in die Siebpresse eingelegt wird. Zwischen jedem Farbdurchlauf muss das Blatt zum Trocknen gelegt werden. Das sind bei einem Buch von 40 Seiten in einer Auflage von 3000 Exemplaren gute 200'000 Arbeitsgänge.
Das alles geschieht in einem 80m2 grossen Raum unter geflochtenem Palmdach. In dieser Druckerei gibt es keine Maschine, sondern 12 geschulte Drucker, hunderte von Holzgestellen zum Trocknen der Buchseiten und eine handvoll Arbeitstische für den Siebdruckrahmen. Bei einer Produktion von 3000 Exemplaren wie im Fall von «Das Geheimnis der Bäume» ist der Betrieb für drei Monate voll ausgelastet. Gearbeitet wird von 9.00 bis 18.00 Uhr. Selbstverständlich gibt es eine reguläre Pause, erhalten die Mitarbeiter einen festen Monatslohn, sind gegen Krankheit versichert und am Gewinn beteiligt. Da die jungen Männer vom Land kommen und das Leben in der Grossstadt Chennai für sie fremd ist, gibt es ein gemeinsames Wohnhaus für alle Mitarbeiter, sie leben dort wie eine Familie zusammen. Und à propos Familie: Die Drucker verdienen so viel, dass sie damit auch ihre Herkunftsfamilien unterstützen können.
Der Gründer und Leiter C. Arumugam hat feste Grundsätze und Überzeugungen: Er macht keine Kompromisse in Sachen Qualität und sozialer Verantwortung. Seinen Mitarbeitern soll es gut gehen und die Produkte von AMM Screens müssen höchsten Qualitätsansprüchen genügen. Hier gibt es keine Billigproduktion auf  Kosten der Arbeiter. So hat er sich bewusst entschieden, nicht zu expandieren und keine Aufträge an Dritte auszulagern, sondern das, was sie tun, selbst und gut zu tun. Und: wenn sich einer seiner Mitarbeiter selbstständig machen möchte, unterstützt er solche Vorhaben mit einem Startkapital aus dem Betriebsfonds.

Baobab beschreitet neue Wege in der Produktion
Das in der Reihe Baobab auf deutsch erschienene Buch ist eingebunden in einen  Projektkreislauf und zeigt exemplarisch auf, wie wichtig öffentliche Anerkennung für Minderheiten ist und was fairer Handel konkret für die Produzenten bedeutet.
Mit diesem Projekt wird eine Einnahmequelle für die KünstlerInnen und ihre Grossfamilien in Bhopal sowie eine dreimonatige Auslastung der AMM Screens ich Chennai geschaffen. Ebenso wichtig ist jedoch die Anerkennung der Arbeit der Gond-KünstlerInnen, die unter schwierigen Umständen ihr kulturelles Erbe pflegen und lebendig erhalten und die kompromisslose Haltung gegenüber dem Drucker- und Buchbinderhandwerk in einem Land, das nur zu oft vom Westen zu Billigproduktion auf Kosten der Menschenwürde und der Umwelt gedrängt wird.
Jedes der 3000 Exemplare von «Das Geheimnis der Bäume» steht für ganz direkte Entwicklungszusammenarbeit, für die Anerkennung der Rechte von Minderheiten und für die interkulturelle Begegnung.
Einen Handzettel mit Informationen und Bildern zum Druckverfahren können Sie hier herunterladen. Flyer PDF (441kb)
Ram Singh Urveti, Bhajju Shyam, Durga Bai
Bhajju Shyam: Pipal
the printers and the silk screen
Watch a short documentary film about the hand printing production of the book in Chennai