Verwurzelt und trotzdem frei sein

Die Welt in Büchern – Taiwan

Baobab Books fördert die Vielfalt in der Kinder- und Jugendliteratur. Wir vermitteln Wissen und regen die lokale Buchproduktion auch in Regionen an, wo es kaum Bücher gibt. Ein besonderes Augenmerk legen wir dabei auf Minderheiten und die Situation indigener Völker, die vielerorts um Anerkennung und den Fortbestand ihrer Kultur kämpfen müssen, denn gerade hier kommt der Literatur eine wichtige Rolle zu. So zum Beispiel im kleinen Inselstaat Taiwan. Die Initiative von Baobab Books hat hier zum Ziel, die vielfältigen Kulturen der taiwanischen Urbevölkerung in der Kinderliteratur sichtbar zu machen. Die 2013 begonnene Arbeit wurde im Mai 2018 mit einem weiteren Workshop unter der Leitung von Baobab Books fortgesetzt.

Das Yüli Township liegt im Süden der Provinz Hualien. Die breite Ebene ist von Reisfeldern geprägt, die Talseiten sind bewaldet und punktuell auch bewohnt, insbesondere von den indigenen Amis. Auf manchen Bergterassen produzieren Teebauern zudem den landestypischen Oolong-Tee.Der fünfte Workshop, den Baobab Books in Zusammenarbeit mit dem National Living Art Center Taitung durchführt, findet im Mai 2018 auf dem Areal der Primarschule in Yüli statt. Noch vor wenigen Jahren war das kleine Haus, das heute als Gemeinschaftsraum dient, baufällig. Auf Initiative einiger Gemeindemitglieder wurde es in Stand gestellt und wohnlich eingerichtet. Alle, denen es möglich war, haben etwas mitgebracht zur Einrichtung, oder sie haben tatkräftig bei den Renovationsarbeiten mitgeholfen. Die treibende Kraft war Herr Ming Chien, der auch der Sekretär der örtlichen Primarschule ist. «Die Regierung versteht manchmal nicht, was die Gemeinde braucht. Es ist besser, wir werden selbst aktiv, anstatt auf Unterstützung zu warten», sagt er anlässlich der Eröffnung des Workshops. Der Raum, der hier entstanden ist, ist aber nicht nur ein sozialer Treffpunkt der Dorfbewohner. Im Bereich zur Strasse hin gibt es auch einen kleinen Laden für lokale Produkte sowie eine Küche. Die Schulkinder lernen hier, traditionelle Speisen herzustellen. Einmal in der Woche gibt es ein gemeinsames Mittagessen, zudem Eltern der SchülerInnen etwas beitragen.

Nicht warten
In der Gegend von Yüli leben viele Amis, eine der zahlenmässig grössten indigenen Ethnien Taiwans. Ya-Chi, eine energiegeladene Lehrerin an der Dorfschule, legt grossen Wert auf die Förderung der Vielfalt an der Schule. Alle Kinder des Dorfes – ob indigener Zugehörigkeit oder nicht – lernen Lieder und auch einen respektablen Wortschatz in der Sprache der Amis, gemeinsam werden unterschiedliche kulturelle Bräuche gepflegt. Hier gibt es kein «wir und die anderen», es sollen sich alle dazugehörig und gleichwertig fühlen, ganz gleich welchen kulturellen Hintergrund sie haben.Ming Chien ergänzt anlässlich seiner Eröffnungsrede: «Wir vermitteln den Kinder an unserer Schule zwei Botschaften: Man darf im Leben nicht darauf warten, etwas zu bekommen. Und jeder muss wissen, wer er ist und wo er herkommt.» Treffender könnte der Geist für die Arbeit in dieser Woche nicht zusammengefasst werden.

Perspektivenwechsel
Das Programm richtet sich dieses Mal an fortgeschrittene Illustratorinnen und Künstler. Das National Living Arts Center hat neun Teilnehmerinnen und Teilnehmer für den Workshop ausgewählt. Die Interessenten mussten sich mit einem Motivationsschreiben bewerben und ein Konzept für ein konkretes Bilderbuchprojekt vorlegen, Einige haben in früheren Jahren den von Baobab Books durchgeführten Grundlagenworkshop besucht, andere haben sich auf anderen Wegen Kenntnisse als Illustratorinnen und/oder Erzähler erworben oder sogar ein Studium in Design und Gestaltung absolviert.Zum Auftakt stellen alle Teilnehmenden ihr Projekt vor und formulieren, welche Fragen sie im Rahmen des Workshops erörtern möchten, an welchem Themen sie arbeiten wollen und wo sie methodischen Hilfestellung wünschen. Die Palette der Themen umfasst die Erzählperspektive, den Erzählbogen, die Beziehung zwischen Text und Bild, aber auch praktische Anliegen bezüglich Format, Umfang, Typographie. Wie lässt sich (indigene) Identität im Kinderbuch darstellen? Nach einer Vor­stellungs­runde bitte ich alle, die bereits erarbeiteten Projekte zur Seite zu legen und dessen Geschichte nochmals neu, aus anderer Perspektive und in fünf Text-Bild-Sequen­zen zu erzählen. Im anschliessenden Plenum erzählen die Künstlerinnen und Künstler von ihren Erkenntnissen …

Lesen Sie hier den gesamten Projektbericht 2018


Sonja Matheson
© 2018 Baobab Books, Basel
Wir danken dem National Living Art Center in Taitung für die Zusammenarbeit.